SAGEN RUND UM DEN ELLENBACHER SEE
Der Große See wird auch Ellenbacher See genannt, so sehr gilt er als Merkmal dieser beiden Orte und ist eine weithin bekannte Sehenswürdigkeit. Dieser Einbruch ist annähernd kreisrund, seine Fläche betragt etwas mehr als einen halben Hektar, und er ist mit Wasser gefüllt. Der See liegt auf einer Höhe von etwa 270 m über NN etwas unterhalb des Seekopfes, also ungefähr 70 m höher als Oberellenbach. Er wird schon im Salbuch des Amtes Rotenburg aus dem Jahre 1579 mit den Worten beschrieben: „ein Deich gen obern elenbach uffer hehe der sehe genant.“ Er muss aber beträchtlich älter sein, denn im Heydauer Lehnsgefälle von 1422 werden die Ländereien unterhalb des Großen und des Kleinen Sees als im Seegraben bezeichnet. Diese Flurbezeichnung ist heute noch gebräuchlich. In den Chroniken von Dilich (1605) und Lucae (1700) wird dieser See schon erwähnt. Der Rotenburger Pfarrer Friedrich Lucae (1644-1708) berichtet uns: „Nahend dem Dorf mitternachtwärts auf einer Höhe, der Wacholderberg genannt, sind zwo Seen nächst einander und zwar einer höher gelegen als die andere. ... Die etwas höher hinaufwärts stehende See ist fast rund. Ich hätte gern ihre Circumferenz oder Umkreis, wäre es möglich gewesen, gemessen, aber an der Abendseite hat die See an dem Berge selbst gar ein hohes Ufer, welches so strack gleich wie eine Mauer stehet, woran das Wasser schlagt; daher kann man die See nicht völlig umgehen. Das Wasser dieser See nimmt niemals ab und auch nicht zu, ohnerachtet des manchmaligen lange anhaltenden Regens. Sonst ist es ziemlich klar, also daß man am niedrigen Ufer stehend den Grund siehet, aber eines faulen Geschmacks. Es fischen bisweilen die lnwohner darin, es sind aber die Fische fast grünlicht und wegen der Mulstrigkeit nicht gar wohl speisbar u. noch weniger gesund.“
Über die Tiefe dieses Sees hat man sich schon immer Gedanken gemacht, zumal er weder einen Zufluss noch einen Abfluss besitzt. Landgraf Hermann schreibt folgendes: „Bei diesem Dorfe Ellenbach uf einem hohen Feldberge, der Wacholderberg genannt, liegt auch ein tiefer, fast unermeßlicher See, wiewohl keiner sonderlichen Größe, darinnen man mit Wurfgarnen auch Fische fanget. Und ist sich dieses sehr, der großen Höhe des Berges halber, da doch dessen Tiefe fast mit der der Fulda gleich streichen soll, zu verwundern.“ Merian nennt ihn einen tiefen, fast unermesslichen See.
Lucae setzt sich auch mit dieser Frage auseinander: „Woher das Wasser auf diese Höhe kommen ist viel Fragens. Etliche mutmaßen, als wenn die von den Bergen unter der Erden durchschleifenden Regenwasser hier einen Abfall u. Versammlung hätten. Andere wollen, gleichsam steige aus der Fulda das Wasser vermittels eines unterirdischen Kanals in die See. Dieser Meinung aber kann man nicht wohl beipflichten in Ansehung des sogar niedrigen Lagers der Fulda und hingegen des Sees Höhe, wie auch beider Distanze. Wann im Sommer die Fulda guten Teiles austrocknet, so müßte ja die See auch fallen und vertrocknen, der es doch gleichwohl nimmer am Wasser mangelt.“
An diese Überlegungen anknüpfend berichtet der Chronist über die erste von höchster Stelle veranlasste Tiefenmessung des Ellenbacher Sees: „Anno 1685 besahen diese Wundersee beide hochfürstliche Herrschaften, unser gnädigster regierender Herr Landgraf zu Hessen-Cassel Durchlaucht und der damals zu Rotenburg residierende Herr Landgraf zu Hessen-Rheinfels Durchlaucht. Damit sie nun der See ihre Tiefe recht ergründen möchten, bedienten sich Ihre Durch. eines Schiffchens, fuhren in die Mitten, senkten ein Lot ab und befanden, daß sie 18 Klafter tief wäre.“ Das ergibt in Meter umgerechnet eine Tiefe von etwas mehr als 30 Meter. Aus diesem Ergebnis zieht der Chronist Pfarrer Lucae seine Schlüsse: „Indem ein Vernünftiger in dieser Gegend stehend und nach dem Augenmaß betrachtet das hohe Lager der See und hingegen die Niedrigkeit der Fulda, so wird er befinden, daß die See viele hundert Klafter sein müßte, (wenn) sie ... unter der Erden von der Fulda sollte des Wassers Zufluß haben.“
Eine von Karl Teichmann (Oberellenbach) beantragte amtliche Messung ergab im Jahre 1969 eine größte Tiefe des Sees von knapp 10 m, also etwa nur noch ein Drittel der landgräflichen Messung.
Aus diesen unterschiedlichen Messergebnissen kann geschlossen werden, dass der entscheidende große Einbruch dieses Erdfalls nicht allzulange vor der landgräflichen Besichtigung erfolgt sein muss, denn die Verflachung des Sees ist doch wohl in erster Linie durch das Einrutschen des Erdreiches aus den Uferböschungen entstanden. Er kann nämlich heute fast ganz umgangen werden, was ja nach dem Bericht von Pfarrer Lucae vor 300 Jahren nicht möglich war.
Sowohl die beiden Landgrafen als auch die Vermesser in Teichmanns Auftrag müssen eine besondere Beziehung zu den geheimnisvollen Mächten gehabt haben, die in diesem See umgehen sollen, denn der Sage nach hat es schon einen früheren, aber vergeblichen Versuch gegeben, die Tiefe dieses Sees zu ergründen.
Vor langer, langer Zeit kam zwei mutigen Männern aus Ellenbach der Gedanke, die wahre Tiefe des Wundersees auf dem Wacholderberg zu erforschen. Allen Warnungen ihrer Verwandten und Bekannten zum Trotz bauten sie sich ein kleines Floß, nahmen ein sehr langes Seil, denn sie wußten, der See müßte sehr tief sein, an dieses Seil banden sie eine Pflugschar und ruderten in die Mitte des Sees. Dort angekommen senkten sie die Pflugschar in die Fluten hinab. Nach kurzer Zeit gab es bereits einen Ruck - es schien, als hätten sie den Grund des Sees schon erreicht. Verwundert und erschrocken zugleich zogen sie die Pflugschar wieder hoch. Als sie sie in der Hand hielten, sahen sie, daß darauf etwas geschrieben stand. Sie konnten aber nicht lesen, weshalb sie voller Angst ans Ufer ruderten und so schnell sie konnten zum Pfarrer liefen. Der las ihnen den Text auf der Schar vor:
„Die Tiefe dieses unseres Sees darf nie ein Mensch ergründen, es sei denn, er kommt selbst zu uns hinab, so werden wir ihm das Wunderbare zeigen, aber dann kann er den Himmel nie mehr schauen.“
Die beiden waren zu Tode erschrocken, sie schworen, nie mehr auf den See hinauszufahren, dieser Preis war ihnen zu hoch.
Eine andere Sage erzählt von diesen geheimnisvollen Mächten des Sees. In seinen nordhessischen Sagen berichtet Klaus Peter Rippe unter der Überschrift „Der See von Oberellenbach“ folgendes:
Wenn im Dorfe Oberellenbach die Kirmes gefeiert wurde, stellten sich drei schöne weiße Jungfrauen aus dem See auf dem Wacholderberge ein, tanzten und vergnügten sich, verschwanden jede Nacht zu einer bestimmten Zeit. An einem Abend jedoch konnte eine der Jungfrauen von ihrem Tänzer, einem schönen Burschen, nicht lassen; sie blieb die ganze Nacht bei ihm und kehrte gegen Morgen zum See zurück. Nach Verlauf von drei Vierteljahren wurde eines Tages die Kinderfrau von Oberellenbach gerufen, einer Wöchnerin im See beizustehen. Sie folgte dem Boten, blieb drei Wochen lang unten und als sie wieder in ihr Dorf zurückwollte, wurde ihr gesagt, sie möge den Kehricht hinter der Tür zur Belohnung mitnehmen. Anfangs verschmähte die Hebamme solchen Lohn; doch füllte sie nach einigem Zureden ihre Schürze damit und als sie nach Hause kam, trug sie blanke Goldstücke darin.
In der Kirchenchronik überliefert uns Pfarrer Walter folgendes Gedicht, das er in der Zeitschrift „Hessenland“ fand:
Der See bei Oberellenbach
(Hessische Sage)
1. Fern droben in grüner Waldesnacht,
Auf einsam schweigender Höh‘,
Vom Schatten der Eichen überdacht,
Liegt ein tief-dunkler See.
2. Draus stiegen vor Zeiten
zum sonnigen Tag
Drei holde Nixen zumal.
Sie wandelten durch den grünen Hag
Und lauschten hinunter ins Thal.
3. Und wenn im Dorfe unten erklang
Das Lied zum Reigentanz,
Dann wanden sie sich ins feuchte Haar
Aus grünem Schilfe den Kranz.
4. Sie stellten sich zum fröhlichen Reig‘n,
Geschürzt das weiße Gewand,
Sie tanzten bis der Sonne Schein
Fern hinter den Bergen verschwand.
5. Und so tanzten sie einst,
und der Lieder Klang,
Wie hob er der Jüngsten die Brust!
Denn um den schönsten der Burschen schlang
Sie den Arm in Liebe und Lust.
6. Doch die Sonne sank, es kam die Nacht -
Da packte sie tödliche Angst:
„O weh, zu schnell verrann sie, die Zeit,
Da um den blühenden Burschen heut‘
Die wießen Arme ich schlang.“
7. Laut rief und klagte das arme Kind:
„Wo sind die Schwestern mein?
Warum denn gingen sie fort geschwind,
Und ließen mich hier allein?“
8. Sie klagte in bitterem Herzeleid,
Es jammerte jung und alt.
Und alle gaben ihr das Geleit
Zum See hoch droben im Wald.
9. Es schwieg die Flut geheimnisvoll,
Da sprang sie schaudernd hinab.
Ein dumpfer Klagelaut erscholl
Aus dem schaurig-dunkelen Grab.
10. Und sieh! Aus der gähnenden Tiefe quoll
Ein Blutstrom schwarz empor -
Dann wieder lag geheimnisvoll
Der See, und stumm wie zuvor.
11. Wohl erklang‘n im Dorfe das nächste Jahr
Die Reigenlieder so laut -
Die Nixen aber mit feuchtem Haar
Hat keiner wieder geschaut.