JÜDISCHE GESCHICHTE IN ALHEIM

Heinebach

Die Existenz eines Juden in Heinebach wurde erstmals im Jahre 1678 erwähnt; ab diesem Zeitpunkt sollen stets einige wenige jüdische Familien am Ort gelebt haben. 1800 verpflichtete die anwachsende jüdische Gemeinschaft einen eigenen Vorsänger. Gottesdienste hielt man zunächst in einem Privathause ab; Anfang der 1840er Jahre wurde in einem ehemaligen Bauernhof in der Eisfeldstraße eine Synagoge eingerichtet. Ein anderes zuvor ins Auge gefasste Gelände für die zu errichtende Synagoge war am Einspruch des hiesigen Pfarrers gescheitert, der wegen der allzu großen Nähe der Kirche eine Beeinträchtigung der Gottesdienste anführte und sich mit diesem Argument bei der kurfürstlichen Genehmigungsbehörde durchsetzte.


Synagoge - halbrechts in Bildmitte (hist. Aufn., 1933)

 In diesem Gebäude war dann später auch die jüdische Schule mit Lehrerwohnung untergebracht. Die 1866 eingerichtete einklassige jüdische Elementarschule - gemeinsam von Kindern aus Heinebach, Beiseförth und Binsförth besucht - wurde wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (kurz nach der Pensionierung des Lehrers Aron Speier) wegen fehlender Schüler geschlossen.

Über einen eigenen Friedhof verfügte die kleine Gemeinde nicht; verstorbene Gemeindeangehörige wurden in Spangenberg bzw. in Binsförth begraben. Da ein Flurname in Heinebach die Bezeichnung „Judentotenhof“ trägt, kann vermutet werden, dass es beim Dorfe früher eine jüdische Begräbnisstätte gegeben hat. Haupterwerbszweig der Juden Heinebachs war der Viehhandel, meist verbunden mit dem Metzgergewerbe. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten etwa 40 jüdische Bewohner am Ort.

In der „Kristallnacht“ wurde die erst 1929 umfassend renovierte Heinebacher Synagoge von Nationalsozialisten aus Rotenburg gestürmt und demoliert; danach ging das Gebäude in den Besitz der Kommune über. Während der Kriegsjahre waren zeitweise französische Kriegsgefangene in der ehemaligen Synagoge untergebracht; ansonsten wurde das Gebäude ab 1942 als Wohnhaus genutzt. Teilweise konnten die Juden Heinebachs rechtzeitig emigrieren; die verbliebenen jüdischen Bewohner wurden deportiert. Nicht alle ihre Schicksale sind geklärt; vermutlich wurden mehr als 30 gebürtige bzw. länger am Ort lebende Juden aus Heinebach in den Ghettos/Lagern im besetzten Osteuropa ermordet.

Eine Thorarolle aus der Heinebacher Synagoge konnte nach 1945 dem letzten Vorsteher der Gemeinde, Juda Heilbrunn, in die USA übersandt werden; sie ging in den Besitz einer Synagoge in New York über. Die Deckenbemalung im ehemaligen Synagogengebäude erinnert heute noch an dessen einstige Verwendung als jüdisches Gotteshaus. Seit 2019 findet man im Kirchweg in Heinebach fünf sog. "Stolpersteine", die an Angehörige der jüdischen Familie Bachenheimer/Katz erinnern; ihnen gelang eine Emigration in die USA.


Franz Korwan
 ist als Sally Katzenstein 1865 in Heinebach als Sohn einer bereits seit Generationen im Ort beheimateten jüdischen Familie geboren. Er absolvierte ein Kunststudium an der Akademie in Düsseldorf (Landschaftsmalerei). Später ließ er sich auf Sylt nieder; er hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Westerland die Stadtrechte erhielt. Im Alter von ca. 40 Jahren konvertierte er zum evangelisch-christlichen Glauben; 1924 veranlasste er seine Namensänderung von Sally Katzenstein in Franz Korwan. 1937 verließ er Sylt; drei Jahre später wurde er von Baden-Baden aus nach Gurs deportiert; 1942 ist er umgekommen.

Baumbach

Eine organisierte jüdische Gemeinde hat in Baumbach seit dem beginnenden 19. Jahrhundert bestanden; erste vereinzelte Ansiedlungen waren aber bereits nach 1700 zu verzeichnen; seitdem haben - ohne Unterbrechung - bis 1942 Juden in Baumbach gelebt. Neben Schutzgeldzahlungen an die Landgrafschaft Hessen mussten die jüdischen Familien weitere finanzielle Leistungen aufbringen, darunter Leibzoll, Neujahrsgelder und sog. Einzugs- und Abzugsgelder.

Seit der Gemeindegründung gab es auch einen Synagogenraum, der bis in die 1830er Jahre in einem jüdischen Privathaus untergebracht war. Als dieser den Ansprüchen nicht mehr genügte, baute man ein Gebäude in der Lindengasse zu einer Synagoge mit Empore aus, die ca. 40 Sitzplätze hatte und zugleich eine Schule und eine Lehrerwohnung beherbergte. Die Mikwe befand sich in einem rückseitigen Anbau; sie wurde später verlegt. Eine ca. 1860 ins Leben gerufene jüdische Schule erhielt nach 20-jährigem Bestehen den Status einer öffentlichen israelitischen Elementarschule. Sie blieb bis in die Jahre des Ersten Weltkrieges bestehen, wurde in den 1920er Jahren wiedereröffnet und 1934 endgültig geschlossen.


Lehrer Benjamin Stiefel u. seine Schüler (um 1925)

Anfangs wurden verstorbene Baumbacher Juden auf dem Friedhof in Rotenburg beerdigt, 1909 wurde dann ein kleines Beerdigungsareal - etwa einen Kilometer vom Ortskern entfernt - angelegt. Im Zusammenhang mit revolutionären Unruhen im Jahre 1848, die sich gebietsweise auch gegen die Gleichstellung von Juden richteten, kam es in Baumbach zu Ansätzen von Gewalt, die aber eingestellt wurden, als die Baumbacher Juden ‚freiwillig’ auf die neuen Rechte verzichteten. So hieß es in einem Schriftsatz des Kurfürstl. Kreisamtes vom 2.5.1848: „... Erschien der Gemeindeälteste Meyer Wallach von Baumbach auf geschehene Vorladung und erklärte auf Vorhalt: Sämtliche Israeliten aus Baumbach hätten aus eigenem Antriebe und ohne Zwang auf allen und jeden gemeinheitlichen Nutzen, unter der Bedingung, daß sie die Gemeinde gegen Gewaltthätigkeiten in Schutz nehme, verzichtet. ...”

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts normalisierte sich das Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Dorfbewohnern zusehends, was Mitgliedschaften von Juden in lokalen Vereinen belegen. Die Baumbacher Juden arbeiteten als Handwerker, Viehhändler und Kleinbauern, zudem hatten sie sich auf den Pferdehandel spezialisiert. Gegen Ende der 1920er Jahre lebten im Dorf noch 14 jüdische Familien, ihr Bevölkerungsanteil machte damit immerhin ca. 10% aus.

Der „Juden-Boykott“ vom April 1933 erreichte auch Baumbach; besondere Initiative zeigte dabei der hiesige NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister, der eigenhändig antijüdische Plakate im Dorf anbrachte und die „arischen“ Bewohner aufforderte, jegliche Kontakte zu Juden zu unterlassen. Begleitet wurden die rhetorischen Attacken auch von physischer Gewalt: In den Jahren 1933/35 waren mehrere Überfälle auf jüdische Dorfbewohner und Sachbeschädigungen ihres Eigentums zu verzeichnen.

Ortsfremde wie auch einheimische SA-Angehörige waren in der „Kristallnacht“ dafür verantwortlich, dass in Baumbach das Synagogengebäude gestürmt und zerstört, von Juden bewohnte Häuser geplündert, Inventar zerschlagen und ihre Bewohner in Angst und Schrecken versetzt wurden; das demolierte Mobiliar wurde dann in der Nähe der Fuldabrücke verbrannt. Bis zur Zwangsdeportation 1942 hatten die meisten Baumbacher Juden bereits den Ort verlassen; die letzten drei jüdischen Bewohner wurden Anfang September 1942 ins „Altersghetto“ Theresienstadt abgeschoben.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden nachweislich 35 aus Baumbach stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene Juden Opfer der "Endlösung". Einziges Relikt der jüdischen Gemeinde Baumbach ist das oberhalb der Ortschaft an einem Waldrand gelegene kleine Friedhofsgelände mit ca. 20 Grabsteinen. 2009 wurde eine Gedenktafel mit den Namen der ermordeten Baumbacher Juden enthüllt; sie ist am Gebäude der ehemaligen Synagoge, Lindengasse 10, angebracht. Zudem informiert eine Hinweistafel wie folgt:

Ehemalige Synagoge. Das Gebäude von 1830 ist Kulturdenkmal aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung als Synagoge. Es beinhaltete außer dem Synagogensaal mit dreiseitiger Empore auch die im Obergeschoss untergebrachte Schulstube und die Lehrerwohnung. Seit 1881 öffentliche israelitische Elementarschule, aufgehoben im Jahre 1934 und später zum Wohnhaus umgebaut.